Schwarzmarkt zum Hören

Wer es noch nicht kennt: Auf http://audio-archive.com/ gibt es ein gewaltiges Archiv sämtlicher Audio-Aufnahmen der Gespräche aller Schwarzmärkte für nützliches Wissen und Nicht-Wissen; der erste aus dem Jahr 2005 und der letzte, tataa, aus dem September diesen Jahres, den ich in Halle im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes kuratiert habe. „How to speak of the land“ wurde der Titel ins Englische übersetzt: „Wie vom Land sprechen“ hieß es auf Deutsch. Ich kann das Reinhören empfehlen, es sind einige wirklich spannende Gespräche dabei und bewerbe das Ganze mal etwas marktschreierisch: Für alle was dabei!

http://audio-archive.com/

Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

Wie vom Land sprechen? 168 Erzählungen zu einer Frage

Mobile Akademie Berlin, Lizenz  Nr. 5

Eine Produktion im Rahmen des TRAFO-Ideenkongresses
Lizenzgeber: Mobile Akademie Berlin
Lizenznehmer: TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes
Konzept: TRAFO / Kulturstiftung des Bundes
Kuration: Cornelius Puschke
Produktionsleitung: Sarah Hollender
Projektmitarbeit: Kim Brian Dudek

 

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Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen / Freies Theater (durchgestrichen)

Als ich diese Website letztes Jahr aufsetzte, habe ich mir eine goldene Regel gesetzt: Lass niemals mehrere Monate verstreichen, ohne etwas Neues zu schreiben. Zurückhaltung oder gekonntes Schweigen sind zwar tolle Eigenschaften, aber mit denen kann ich in diesem Fall hier nicht prahlen. Es war einfach zu viel los. Man braucht für so eine Website und einen Artikel Zeit, Ruhe und einen freien Kopf.

Als Erstes sei erwähnt, dass die im letzten Post erwähnten Publikationen, für die ich Beiträge verfasste, nun erschienen sind. Links sind weiter unten zu finden.

 

FREIES THEATER

Ansonsten beschäftigten mich in den letzten Monaten vor allem zwei Projekte: Im Frühjahr probierte ich in der Vierten Welt im Rahmen unserer fünfteiligen Reihe zum Freien Theater aus, ob Freies oder freies Theater auf auf einem Smartphone bzw. auf einem Messenger stattfinden kann. Meppelink 7Ende Juni liefen für zwei Tage in der Vierten Welt sechs Beiträge von sechs Künstler*innen bzw. Künstler*innengruppen. „/me followed by an action“ hieß die Versuchsanordnung und es sind dabei einige schöne Ergebnisse entstanden. Die Beiträge kamen von !Mediengruppe Bitnik, Annika Kahrs, doublelucky productions (Chris Kondek + Christiane Kühl), Ligna, Matthias Meppelink und Philip Widmann.

 

 

 

 

 

Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen

Außerdem wurde ich im Frühjahr von der Kulturstiftung des Bundes und Hannah Hurtzig gefragt, ob ich Zeit und Lust hätte einen Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen zu kuratieren. Ein ehrwürdiges Format und für mich eine der wichtigsten Theater-Kunst-Diskurs-Erlebnisse der 2000er Jahre. Die Frage mit Ja zu beantworten fiel mir nicht schwer und es entstand über den Sommer ein mächtiges und irgendwie auch wahnwitziges Projekt, das vor zwei Wochen, am 19. September, im Volkspark in Halle an der Saale stattfand.

Schwarzmarkt_DSCF9613-2018

„Wie vom Land sprechen?“ war die von der KSB vorgelegte Fragestellung, unter der der Schwarzmarkt stattfinden sollte, und ich verbrachte die vergangenen Monate vor allem damit unterschiedlichste Perspektiven auf diese große Frage kennenzulernen, die in den aktuellen Debatten und Nicht-Debatten über Land, Ländlichkeit und ländliche Räume eine Rolle spielen. 120 Expert*innen fragten wir (Kim Dudek und Sarah Hollender) an, 60 Expert*innen sind’s am Ende geworden, darunter: Dimitri Hegemann, Peter Zorn, Kevin Rittberger, Antje Schiffers, Dietlind Hüchtker, Claudia Neu, Patrick Primavesi, Kerstin Borchhardt, Steven Black, Philip Widmann, Antje Majewski, Dirk Laucke, Kornelius Paede, Marta Doehler-Behzadi, Kerstin Faber, Andreas Willisch, Alexander Klose, Dirk van Laak, Red Haircrow und Tucké Royale. Wer den Schwarzmarkt nicht kennt und mehr wissen will – auf der Seite des Trafo-Programms finden sich alle wichtigen Informationen.

 

Momentan arbeite ich mit den Dramaturgie-Studierenden der Theaterakademie Hamburg an einem kleinen, workshopartigen Projekt, das an die Messenger-Experimente in der Vierten Welt anschließt.

Außerdem arbeite ich mal wieder mit Rimini Protokoll zusammen für ein Projekt, das nächstes Jahr in Koproduktion zwischen dem Mousonturm und dem Schauspiel Frankfurt in, genau, Frankfurt stattfindet. Mehr Informationen darüber im nächsten Post, der nicht so lang auf sich warten lassen wird.

Misstrau Amazon

Beitrag für die Publikation „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“

Im Februar 2016 fand ein Abend im Literaturforum im Brecht-Haus statt, den ich irgendwann kurz gefasst „Urheber(b)recht“ nannte. Gemeinsam mit den Kolleg*innen des Brecht-Hauses sowie mit Annett Gröschner und Esther Slevogt habe ich im Winter letzten Jahres ein kleines Projektchen ins Leben gerufen, das sich mit der Frage des Urheberrechts an Brechts Werken auseinandersetzt. Denn, das ist spätestens seit dem Spielverbot von Castorfs „Baal“ bekannt: Mit Brechts Werken darf man künstlerisch wahrlich nicht tun, was man möchte oder richtig findet. Die Erb*innen sprechen stets ein gewichtiges Wort mit – bis hin dazu, dass bestimmte Les- oder Spielarten von Brechts Stücken/Texten schlicht nicht stattfinden, da sie untersagt werden. Das führt konsequenterweise wiederum dazu – und hier wird’s interessant – , dass es sowas wie eine verbotene Brecht-Rezeption gibt. Oder, kurz gesagt: Kunst, die nicht stattfinden darf. Für die interessiere ich mich schon länger – so geht die Idee sich dieser untersagten Kunst zu widmen zurück bis ins Jahr 2012, wo ich die Brecht-Tage leitete und das Programm gestaltete. In der Begegnung und den Gesprächen mit zahlreichen Künstler*innen stellte sich nebenbei heraus, dass es eine Art innere Zensur gibt, wenn es um die künstlerische Umsetzung von Brechts Werken geht. Man weiß inzwischen, was gestattet wird und was nicht und passt seine Umsetzung entsprechend an. Oder man tut dies nicht und die Inszenierungsidee wird untersagt oder gar nicht erst realisiert. Was mich also prompt interessierte: Was passiert, wenn 2027 die urheberrechtliche Schutzfrist auf die Werke Brechts abläuft?

Wir wollten den verunmöglichten, nicht-realisierten Projekten schon jetzt einen Raum geben und riefen dementsprechend in die Brecht-Welt hinein und zurück kamen einige spannende Projekte, die wir an einem Abend präsentierten. Nachtkritik bildete den gesamten Prozess online ab – hier nachzulesen. Foto LaxheitSo ergab sich am Abend selber ein tolles Gespräch mit LIGNA, Alex Karschnia (andcompany&Co.), Michael Wehren (friendly fire) und Esther Slevogt (nachtkritik.de), das nun in guter, alter Buchform abgedruckt und im Verbrecher Verlag erscheinen wird. Amazon sagt, VÖ sei der 28. Februar. Ich bin da leicht skeptisch, aber Amazon hat mit seinen Vorausberechnungen bekanntlich öfter Recht als man es gern hätte. Hier der böse Link für alle Kaufwilligen, hier der gute zum Verbrecher Verlag. (Nachtrag: Habe grad die Info vom Verlag gekriegt, dass VÖ wohl Ende April/Anfang Mai wird)

 

 

„Misstrau den Dingen“ – Beitrag für Publikation bei Theater der Zeit

Foto Der Dinge Stand

Auf Anfrage von Tim Sandweg von der Schaubude Berlin habe ich im Januar ein Gespräch mit Johanna Kolberg und Hannes Kapsch von der Komplexbrigade zu ihrer Arbeit geführt. Das Gespräch erscheint Ende Juni in einer Publikation mit dem Titel „Der Dinge Stand“, herausgegeben von Annette Dabs und Tim Sandweg. Fokus dieses Arbeitsbuchs ist die aktuellen Entwicklungen des Figuren- und Objekttheaters abzubilden.

Im Gespräch mit der Komplexbrigade interessierte mich die Frage nach dem Misstrauen in die uns umgebende Dingwelt. Neuere technologische Objekte verstecken immer mehr all die Prozesse, die sie ohne unser Wissen steuern. Sie sammeln Daten und organisieren sie im Hintergrund so, dass sie unser Konsumverhalten analysieren können.  „Misstrau den Dingen“ schien mir da der passende Titel, der sich mit Johanna und Hannes als spannender roter Faden durch das Gespräch zog.

Hier wieder der Link zum misstrauenswerten Amazon und der zu Theater der Zeit. Support your local publisher!

 

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Foto Bitnik
Design: Christoph Knoth & Konrad Renner

Wenige Tage nach dem Interview mit der Komplexbrigade fand im Martin-Gropius-Bau eine Veranstaltung meiner ehemaligen Kolleg*innen des Immersion-Programms der Berliner Festspiele statt. „Into Worlds“ hieß die dreitägige Konferenz, die neben dem größeren Diskursanteil auch mit einigen spannenden künstlerischen Beiträgen aufwartete. Ich wurde gefragt gemeinsam mit Carmen Weisskopf und Doma Smoljo von der !Mediengruppe Bitnik ein Gesprächs- und Präsentationsformat zu entwickeln, in der die beiden ihre Arbeiten dem Publikum vorstellen können. Das traf sich gut, denn schon während meiner Zeit bei Immersion wollte ich mit den beiden immer ein Projekt auf die Beine stellen, was leider nicht klappte. Nun bot sich also in einem kleineren Setting die Gelegenheit ihre – wie ich finde – durch und durch anti-immersiven Arbeiten in den Kontext der Immersion zu rücken. Sehr spannend!

Nun hatten die beiden just wenige Monate zuvor ein bezauberndes Büchlein mit einem noch bezaubernderen Titel herausgebracht (siehe Überschrift). Für ein ungeübtes Auge ist das ein denkbar sperriger Name für ein Buch. Wer sich jedoch mit der Programmiersprache JavaScript schon mal beschäftigt hat, weiß, dass dies der Code ist, mit dem man im Quellcode von Websites ein Pop Up-Fenster erstellen kann (so übrigens auch auf meinen bescheidenen Blog, weshalb der Titel oben nur als jpg zu finden ist). Womit aber immer noch nicht geklärt wäre, weshalb dieses Buchs diesen unüblichen Titel trägt. Es sei denn, man sucht das Buch mal im einschlägigen Online-Buchhandel. Zum Beispiel bei der allseits beliebten Buchhandlung Walther König – bitte mal ausprobieren und das Buch dort mit dem Suchbegriff „Mediengruppe Bitnik“ suchen und auf das Ergebnis klicken: http://www.buchhandlung-walther-koenig.de

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Lustig und gleichzeitig beeindruckend, wie man die Funktionalität von Websites so einfach zerpflücken kann, oder? Auf der Amazon-Website wurde der Titel übrigens entfernt. Ein ziemlicher Geniestreich der Bitniks, der übrigens auf die offensichtlich sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit den beiden Designern des Buches, Christoph Knoth und Konrad Renner, übrigens Professoren für Digitale Grafik an der HfBK Hamburg, zurückgeht. Tollerweise hatten Christoph und Konrad Zeit ebenfalls an der Veranstaltung teilzunehmen, so konnte das Buch und sein Titel mit allen Beteiligten besprochen werden.

Konsequenterweise entschieden wir uns dazu die kleine Gesprächsveranstaltung im Gropius-Bau „Pop Up-Event“ zu nennen; ein Begriff, nach dessen Benutzung man sich sonst eigentlich den Mund auswaschen sollte. Wir redeten also ausführlich über das Buch, den Pop Up-Hack und diverse andere Arbeiten der Bitniks, die sämtlich die Stoßrichtung haben jegliche immersionsartigen Verschleierungszusammenhänge zu markieren und sichtbar zu machen. Es geht nie um eine Medienvergessenheit, die für immersive Kunstwerke oft als so maßgeblich betrachtet wird. Im Gegenteil: Die Arbeiten der Bitniks sind der schnipsende Finger für den/die in Trance gefallene*n Mediennutzer*in. Und so sind ihre Interventionen und Hacks besonders wertvolle Beiträge zu der Frage, was Immersion ist. Und zwar nicht, indem sie selber immersiv sind, sondern indem sie Immersion zeigen und vorführen.

 

Masterclass Theaterakademie Hamburg

Anlässlich der diesjährigen Lessing Tage am Thalia Theater Hamburg richtete die Theaterakademie Hamburg eine Masterclass mit jungen Dramaturg*innen und Regisseur*innen aus, die ich Ende Januar/Anfang Februar leiten durfte.

Foto artists at risk
Zeichnung: Stefan Marx

Das Festival widmete sich schwerpunktmäßig der Bedrohung der Demokratie und legte einen besonderen Fokus auf Repressionen, die Journalist*innen und Künstler*innen in autokratischen Regimen erleiden. Zu Gast hatten wir Yeşim Özsoy, Leiterin von GalataPerform in Istanbul, die später bei dem für mich spannendsten Abend des Festivals teilnahm, dem prominent besetzten Panel „Artists at Risk“, u.a. mit Aslı Erdoǧan (Schriftstellerin) und Marina Davydova (Künstlerische Leiterin Moskauer NET-Festival und Herausgeberin der Theaterzeitschrift Teatr).

 

 

Darüber hinaus habe ich in den letzten Monaten mit einigen Künstler*innen und Theatern an Projekten und Anträgen gearbeitet, zum Beispiel mit dem Solistenensemble Kaleidoskop.

Und ich bastele an einem neuen großen Brecht-Projekt – darüber später mal mehr.

Freies Theater mit großem F oder freies Theater mit kleinem f?

Mitte September gab’s mal wieder gute Nachrichten aus der Senatsverwaltung:

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Nächstes Jahr werde ich mit einigen Mitstreiter*innen eine mehrteilige Gruppenarbeit in der Vierten Welt auf die Beine stellen, die den (noch etwas holprigen, dafür inhaltlich aber treffenden) Titel „3. Freiheit 4. Welt 5. This“ trägt. Irgendwann fragte ich mich mal, warum man Freies Theater inzwischen mit großem F und nicht mehr mit einem kleinen f schreibt. Welche Selbstvermarktung zu dieser vermeintlichen Markenbildung da eigentlich in Gang gesetzt wurde. Und ob ein Freies Theater überhaupt noch ein freies Theater ist.

In der gemeinsamen Auseinandersetzung der Gruppe ergab sich daraus eine recht weitreichende Überlegung und die Lust eine mehrteilige Produktion zu entwickeln. Was wir da machen werden und welche Künstler*innen daran beteiligt sein werden, schreibe ich hier mal zu einem späteren Zeitpunkt.

Netzdramaturgien

Dank der Förderung vom Fonds Darstellende Künste für „If Then Else“ kann ich einige Schritte mit diesem Projekt gehen, um es in nicht allzu ferner Zukunft zur Realisierung zu bringen. Konkret geht es aktuell darum die inhaltliche Idee des Projekts in ein Raumkonzept zu übertragen. Die Abfolge If-Then-Else (dt.: Wenn-Dann-Sonst) ist dafür maßgeblich und strukturgebend, denn sie beschreibt die syntaktische Einheit eines Algorithmus’. Jeder Code, der unsere digitalen Leben organisiert, basiert auf der Grundlage dieses Modells, das zukünftige Ereignisse in Wenn-Dann-Szenarien vorausdenkt. Algorithmen und damit auch Codes haben die grundlegende Eigenschaft, dass sie die Zukunft vermessen. Auf spekulative Art und Weise kalkulieren sie jedes mögliche relevante Ereignis und machen es errechenbar. Durch unbegrenzt lang aufeinanderfolgende Wenn-Dann-Szenarien, inklusive zahlloser, einkalkulierter Abweichungen (else), lässt sich auf der Grundlage von Daten menschliches Verhalten bis ins kleinste Detail errechnen und vermessen. Mit Zunahme der Digitalisierung unserer Lebenswelten wird die menschliche Zukunft so zur maschinellen Gegenwart – was morgen passieren wird, wissen nicht wir irgendwann, sondern die Algorithmen schon jetzt. Diese Entwicklungen schlagen sich in diversen künstlerischen Praxen nieder, die ich versuche in diesem Projekt zu bündeln.

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder beschreibt diese „Algorithmizität“ unserer Zeit in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ in einem Vokabular, was sich interessanterweise als gut übertragbar auf die Künste und damit für den Kontext dieses Projekts erweist:

„Ein Algorithmus ist eine Handlungsanleitung, wie mittels einer endlichen Anzahl von Schritten ein bestehender Output überführt werden kann: Mithilfe von Algorithmen werden vordefinierte Probleme gelöst. Damit eine Handlungsanleitung zum Algorithmus wird, muss sie in dreifacher Hinsicht determiniert sein. Erstens müssen die Schritte, einzeln und in ihrer Gesamtheit, eindeutig und vollständig beschrieben sein. Dazu ist in der Regel eine formale Sprache notwendig, etwa die Mathematik oder eine Programmiersprache, um die für natürliche Sprachen charakteristischen Anweisungen ohne Interpretation angewandt werden können. Zweitens müssen die einzelnen Schritte zusammen praktisch durchführbar sein. Deshalb ist jeder Algorithmus auf den Kontext seiner Realisierung bezogen. Verändert sich sich dieser, verändert sich auch, welche Handlungsabläufe als Algorithmen formalisiert werden können, und damit, in welcher Weise Algorithmen an der Konstitution der Welt teilhaben. Drittens muss eine Handlungsanweisung mechanisch ausführbar sein, damit sie unter unveränderten Voraussetzungen immer dasselbe Resultat zeitigt.“ (Felix Stalder: Kultur der Digitalität, S. 167 f., Berlin 2016)

In der aktuellen Vorstudienphase arbeite ich mit dem Architekten Markus Miessen (Studio Miessen) zusammen, um ein räumliches Konzept für das Programm und die Auftragsarbeiten zu entwickeln. Markus und ich haben uns während meiner Zeit im Martin-Gropius-Bau kennengelernt – er entwickelte dort gemeinsam mit Heike Schuppelius die Szenographie für Omer Fasts Ausstellung „Reden ist nicht immer die Lösung“, die Teil des Immersion-Programms war, für das ich gearbeitet habe. Es ist eine fruchtbare und inspirierende Kollaboration mit ihm und seinen Mitarbeiter*innen. Ich bin gespannt, wohin uns die Reise noch führt.

 

Parallel und durchaus passend dazu gebe ich ab Oktober ein Seminar am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin mit dem Titel „Netzdramaturgien“. Leitender Gedanke des Kurses ist, dass sich das, was wir in all seinen unterschiedlichen Bedeutungen und Anwendungen Dramaturgie nennen, sich in Zeiten des Internets fundamental verändert. Hier ein Auszug aus dem Seminartext:

„Die Entstehung neuer Werkformen, die Diskurse aktueller Dramatik und die zunehmende Technisierung der Kunsterfahrung sind eng gekoppelt an die Entwicklungen des Internets. Dennoch wird vor allem das Theater gerne zu einem Ort der Offline-Kultur stilisiert – das Netz bleibt draußen. Flugmodus an, Vorhang auf. Ist das die Zukunft des Theaters? Möglicherweise nicht, denn die Veränderungen sind offensichtlich. Das Netz kommt auf die Bühne. Neue Techniken werden Bestandteil experimenteller Werkformen. Und nicht zuletzt gerät das Verhältnis von Bühne und Zuschauer*innenraum beträchtlich ins Wanken. Eine kommunikative Neuordnung scheint im Gange.“

 

Desweiteren haben sich über den Sommer einige weitere schöne Begegnungen, Zusammenarbeiten und spannende Projektplanungen ergeben, über die ich bei Zeiten hier mal mehr schreiben werde.

 

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1F TH3N 3L53 erblickt das Licht der Öffentlichkeit!

Vor Kurzem rief mich Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, an und benachrichtigte mich, dass ich die so genannte Initialförderung für mein Projekt 1F TH3N 3L53 (If-Then-Else) erhalten habe. Große Freude! Damit ist das Projekt zwar finanziell beileibe noch nicht realisiert – es handelt sich um eine Förderung zur Vor-Entwicklung des Projekts – aber es ist eine tolle Möglichkeit frei von relativ vielen Zwängen erstmal drauf los zu arbeiten und die ganze Sache wachsen zu lassen. Wo das Projekt dann mit welchen Mitteln wann realisiert wird, habe ich noch nicht entschieden und wird sich in den nächsten Monaten, in denen ich das programmatische Framework entwickele und mit potenziell teilnehmenden Künstler*innen spreche, herausstellen. Hier eine Kurzzusammenfassung des Vorhabens:

1F TH3N 3L53, If-then-else, steht unter Software-Programmierer*innen für die Basisstruktur (Syntax) jedes Codes und Algorithmus’. Diese Syntax ist, vereinfacht gesagt, die Grundlage des Netzes und unserer digitalen Kommunikation. Diese Zukunftsmodellierung haben Programmierer*innen mit Künstler*innen gemein, die Kunstwerke wie benutzbare Modelle kreieren. Beide entwerfen ein irgendwann eintretendes Live-Szenario, das für Besucher*innen erlebbar wird und in dem sie sich und ihrer Handlungen bewusst werden. Cornelius Puschke schafft eine programmatische Umgebung, in der diese Situationen und Interventionen, die mit den Codes der Theatralität und Performance arbeiten, dem Publikum vorgestellt werden.“

Neben mir erhalten Kat Válastur, David Brandstätter, Gabi da Droste, das Schloss Bröllin sowie die flausen-Residenz eine Initalförderung.

 

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Brüssel Hamburg Maidorf

Nach einigen Reisetagen bin ich wieder zurück in Berlin. Ich besuchte das immer wieder tolle Brüsseler Kunstenfestivaldesarts, traf viele nette Kolleg*innen, die in Belgien leben und arbeiten und sah natürlich viel Theater. Den markantesten Eindruck hinterließ bei mir Claude Regys düster-archaisches Theaterritual „Rêve et Folie“, – basierend auf Georg Trakls Gedicht „Traum und Umnachtung“ – das in der kommenden Spielzeit auch in Berlin an der Volksbühne zu sehen sein wird. Man sieht ja nicht häufig Theater von Menschen, die, wie Regy, bereits 94 Jahre alt sind. Und ich muss sagen: Auf eine tiefgreifende Art und Weise atmet diese Inszenierung den Geist des Alters, der Erfahrung und, ja, auch des Tods. Trotz meiner rudimentären Französisch-Kenntnisse verließ ich das Theater nachhaltig beeindruckt mit einem Kloß im Hals.

Von Brüssel ging es dann weiter zur Eröffnung von Theater der Welt in Hamburg, wo ich eine von der Theaterakademie Hamburg veranstaltete Masterclass mit Studierenden der Fächer Dramaturgie und Musiktheaterregie ko-leitete. Das war eine schöne Rückkehr, zumal ich an der Theaterakademie vor inzwischen recht langer Zeit meine ersten Dramaturgie-Erfahrungen sammeln durfte. Jetzt an eine alte Wirkungsstätte aus Studienzeiten zurück zu kehren, freute mich also sehr – auch wenn die Akademie aus den fantastischen Zeisehallen in der Friedensallee inzwischen leider ausziehen musste.

Außerdem positiv in Erinnerung geblieben sind mir Achille Mbembes Auftaktrede für das Festival sowie die Weltpremiere des ersten – im weitesten Sinne – Theaterstücks des Bildenden Künstlers Wael Shawky. Weltweite Berühmtheit erlangte dieser als er mit „Cabaret Crusades“ ein arabisches Counter-Narrative zu den aus christlicher Perspektive in die Geschichtsbücher eingegangenen Kreuzzügen filmisch mit Puppen inszenierte. Bereits in dieser Arbeit zeigte sich, wie klug, genau und aufmerksam Shawky der frühkolonialen, westlichen Geschichtsschreibung Narrative des Nahen Ostens entgegensetzt. Ähnlich war sein Verfahren auch für seine neue Arbeit „The Song of Roland“. Das Rolandslied, ein altfranzösischer Gesang, berichtet davon, wie die Christen unter Führung Karls des Großen im 8. Jahrhundert die islamischen Sarazenen aus Europa vertrieben bzw. sie vernichteten. Das Rolandslied bildet historisch gesehen sozusagen den Prolog zu „Cabaret Crusades“. Mit Musikern aus den Emiraten übersetzt Shawky das mittelalterliche Rolandslied nun nicht nur ins Arabische, sondern transportiert es auch in einen völlig anderen klanglichen Kontext und schafft so einen anderen kulturellen Resonanzraum: Fidjeri, so heißt die hier von 15 Männern gesungene, geklatschte und getrommelte Musik, die aus dem arabischen Golf stammt und traditionell von Perlenfischern interpretiert wurde. Es ist ein kluger Kunstgriff Shawkys das Rolandslied, das vor allem in patriotischen Kreisen Frankreichs bekannt ist, musikalisch-kulturell zu dezentralisieren und das westliche Narrativ qua Musik umzuschreiben. Er schafft einen neuen Blick auf das christliche Europa und den Islam, indem er deren jahrhundertelange Verbindungen betont. Es ist nur zu hoffen, dass diese konzertante Performance noch viele Menschen sehen können.

Abschließend noch ein Veranstaltungstipp in eigener Sache: Am 21. + 22.6. läuft im Theaterdiscounter „Maidorf“, eine Arbeit, die auf einer Recherche basiert, die ich gemeinsam mit Christian Winkler vor einigen Jahren gemacht habe. Aus den Recherchen ist ein Stück über ein goldenes, prunkvolles, leerstehendes Haus und seinen Besitzer geworden, das in einer Alpenprovinz namens Maidorf (oder so ähnlich) steht. Die Jugendstilvilla dient der Dorfgemeinschaft sich ihrer Identität zu vergewissern, denn mit dem Villen-Besitzer haben sie nichts zu tun. Er sei ein „Individualist“, ein Eigenbrötler, und sei somit nicht Teil der Gemeinschaft. Diese mikroskopische Langzeitbeobachtung mündete in einer Performance, die vor einem Jahr ihre Premiere hatte. Auf der Bühne stehen neben Kenneth Huber unter anderem Laura Landergott von „Ja, Panik“ und die Bildende Künstlerin Marlene Hausegger. –> Theaterdiscounter, Klosterstraße 44 / D–10179 Berlin / info at theaterdiscounter dot de / +49 (30) 28 09 30 62